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TH. MERLO - DIE PHILOSOPHISCHE ANTHROPOLOGIE IM ÜBERBLICK UND IHR EINFLUSS AUF P. KONDYLIS

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Translation by the author



Panajotis Kondylis (1943-1998)
Panajotis Kondylis (1943-1998)

Die philosophische Anthropologie ist eine philosophische Strömung, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte. Ihre bedeutendsten Vertreter und Begründer waren Helmuth Plessner, Max Scheler sowie – in dieser ersten Arbeit thematisiert – Arnold Gehlen. Ihr Ziel war es, ein Denken zu etablieren, das den Menschen schonungslos – also jenseits von Gut und Böse – darstellt: so, wie er ist, und nicht so, wie er sein sollte. Zugleich nimmt sie den Menschen selbst als Ausgangspunkt.


Es liegt auf der Hand, dass diese Philosophie aufgrund ihrer anthropologischen Implikationen rasch in Bereiche wie Soziologie, politische Philosophie und Moralphilosophie übergreifen musste, da diese unmittelbar mit dem menschlichen Handeln verbunden sind.


Das Ziel der vorliegenden Studie ist es nun, einen kurzen Überblick über die Gedanken der bereits genannten Autoren zu geben und dabei mögliche Denkanstöße zu vermitteln. Dafür wird für jeden Autor mindestens ein Essay erforderlich sein, weshalb es sich bei diesem Text lediglich um den ersten Teil handeln kann.


Dieser Weg wird uns letztlich zu einem weiteren Autor führen, nämlich dem griechisch-deutschen Intellektuellen Panajotis Kondylis. Zwar kann man ihn nicht als Vertreter der philosophischen Anthropologie bezeichnen, doch war er in hohem Maße von ihr beeinflusst. Daher soll diese Auseinandersetzung neben einer Einführung in das Denken von Panajotis Kondylis auch einen Schwerpunkt auf das seinem Denken zugrunde liegende Menschenbild legen.


Eine Einführung in das Denken von Kondylis bereits in diesem kurzen Vorwort zu geben, würde den Rahmen sprengen. Daher begnüge ich mich an dieser Stelle mit dem Hinweis, dass er eine wertfreie Betrachtung der Wirklichkeit anstrebte, die er als deskriptiven Dezisionismus bezeichnete – ein Ansatz, der auch im Hinblick auf Persönlichkeiten wie den hier behandelten Arnold Gehlen von besonderem Interesse sein kann.



Die Anthropologie von Arnold Gehlen



Arnold Karl Franz Gehlen (1904-1976)
Arnold Karl Franz Gehlen (1904-1976)

Wenn man in intellektuellen Kreisen den Namen Arnold Gehlen erwähnt, stößt man zweifellos nicht nur auf Zustimmung und Begeisterung. Einerseits trat er am 1. Mai 1933 der NSDAP bei und blieb bis zu deren Ende Mitglied. Andererseits geriet er schon früh in Konflikt mit der Partei und durfte einige seiner Schriften nicht veröffentlichen, da sie nicht mit dem herrschenden Antisemitismus übereinstimmten und der nationalsozialistischen Rassenideologie widersprachen – und diese vielmehr als Mythos erscheinen ließen.


Am treffendsten erscheint es daher, diesen Denker mit dem widersprüchlichen Begriff des „opportunistischen Nonkonformisten“ zu bezeichnen. Nichtsdestotrotz bleibt Gehlen bis heute – sowohl in der Philosophie als auch in der Soziologie – einflussreich. Darüber hinaus war er auch in den damaligen intellektuellen Kreisen hoch angesehen und stand in regem Austausch mit anderen Denkern. Besonders seine Debatten mit Theodor W. Adorno sind bis heute hörenswert.

Dieser Text verfolgt das Ziel, eine Einführung in Gehlens Denken zu geben und zugleich zur Reflexion über mögliche Konsequenzen sowie über Bezüge zur Gegenwart anzuregen.


An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass ich Gehlens Gedanken stark vereinfachen und auf das Wesentliche reduzieren muss. Für ein vertiefendes Verständnis sei auf sein Hauptwerk Der Mensch: Seine Natur und Stellung in der Welt verwiesen. Weitere wichtige Werke sind Urmensch und Spätkultur, Die Seele im technischen Zeitalter sowie Moral und Hypermoral.



Der Mensch als Mängelwesen



Michelangelo: Der rebellierende Sklave, ca. 1513-15, Paris, Louvre
Michelangelo: Der rebellierende Sklave, ca. 1513-15, Paris, Louvre

Ein zentraler Begriff bei Gehlen ist der Mensch als „Mängelwesen“. Damit ist gemeint, dass der Mensch – und das ist zugleich der grundlegende Unterschied zum Tier – keinerlei organische oder körperliche Spezialisierung besitzt. Er ist weder Fluchttier noch Raubtier, weder Fisch noch Vogel, weder Insekt noch ein kletternder Affe. Er verfügt über ein omnivores Gebiss, ist nicht besonders schnell, besitzt keine spezialisierten Hände oder Füße, um etwa, wie ein Affe, die Bäume zu seinem Lebensraum zu machen – vielmehr hat er einen vollkommen archaischen Körper, der für sich genommen auf kein spezifisches Umfeld angepasst und daher allein nicht überlebensfähig wäre.


Nun ist es aber offensichtlich, dass wir Menschen sehr wohl überlebensfähig sind – und das liegt daran, dass unser gesamter Körper darauf ausgerichtet ist, uns zu weltoffenen Wesen zu machen. Wir sind nicht auf ein bestimmtes Umfeld spezialisiert, weil wir uns potenziell an die verschiedensten Umwelten anpassen können. Wir sind fähig, diese Umwelten ohne spezialisierende Einschränkungen wahrzunehmen und sie uns zunutze zu machen. Vor allem aber verfügen wir über die Fähigkeit zu handeln. Das bedeutet für Gehlen: Wir können unser praktisches Verhalten steuern, wir sind Herr unserer selbst, wir können unsere Triebe beherrschen – kurz: Unsere Bewegungen und Handlungen unterliegen keinen zwanghaften Abläufen. Wir besitzen keine angeborenen Instinkte, sondern sind absolut plastische Wesen – ebenso unbestimmt wie formbar.


Der Mensch muss sich daher an seine Umstände anpassen – aber sobald er dazu in der Lage ist, beginnt er, seine Umwelt aktiv zu formen. Er unterwirft sie seinem Nutzen – sowohl in der Art, wie er sie wahrnimmt, als auch in ihrer aktiven Gestaltung. Er schafft also sowohl eine „innere Außenwelt“, wie Gehlen mit Novalis formuliert, als auch eine menschliche Welt innerhalb der natürlichen. All dies bezeichnen wir als Kultur. Und da wir Menschen auf das Schaffen von Kultur angewiesen sind, bezeichnet Gehlen – wie schon Johann Gottfried Herder – den Menschen als Kulturwesen.



Von der Kultur zur Institution – und zur Verantwortung



Die Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen
Die Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen


Wir sind also von Natur aus darauf ausgelegt, Kultur zu schaffen, um ein Umfeld zu gestalten, in dem wir überleben können. Dieses Umfeld umfasst – um es noch einmal zu betonen – sowohl das äußere als auch das innere menschliche Leben. Man könnte also, mit einem gewissen polemischen Unterton, Herder folgend sagen: Wir sind von Natur aus unnatürliche Wesen.


Doch man darf nicht dem Irrtum erliegen, das Schaffen – und vor allem das Bewahren – von Kultur sei etwas Selbstverständliches. Von Beginn an schafft der Mensch Institutionen, in denen die Kultur verankert wird. Diese Institutionen müssen nicht zwingend physisch manifest sein. Was sie auszeichnet, ist, dass sie dem Menschen von klein auf und durch das gesamte Leben hindurch jene Kultur vermitteln, die ihn lebensfähig macht. Die Institutionen züchtigen den Menschen im eigentlichen Sinne – sie formen ihn, um ihn unter den jeweiligen Bedingungen lebensfähig zu machen.


Institutionen bestehen – historisch wie gegenwärtig – auf verschiedenen Ebenen, und können die verschiedensten Formen annehmen: Familie, Sippe, Totemkult, Religion, Götterverehrung, Rituale, Schulen, Akademien, Staaten usw. sind alles verschiedene Formen von Institutionen. Zucht ist in diesem Zusammenhang keine Knechtschaft, sondern die Voraussetzung für das, was wir als „Freiheit“ begreifen. Der Verlust von Zucht hätte Verwirrung und Orientierungslosigkeit zur Folge; ihr Vorhandensein und ihre Funktionalität aber ermöglichen Willensbildung – und sind somit die Bedingung dessen, was wir als „freien Willen“ bezeichnen. Denn nur wer weiß, was er will, kann wollen, was er will.


Nicht jede Kultur ist an dieselben Institutionen gebunden – aber das bloße Vorhandensein solcher ist für den Erhalt jeder Gesellschaft notwendig; sie konstituieren diese. Damit sie sich jedoch erhalten können, müssen sich die Menschen mit ihnen identifizieren – und umgekehrt müssen sich die Institutionen als den Menschen dienend begreifen. Entfällt dieses gegenseitige Vertrauen, verfallen beide: die Institution wie der Mensch.


Es bedarf daher Verantwortung – sowohl von den Menschen, die Institutionen führen und also die notwendige Zucht ausüben, als auch von jenen, die durch diese Institutionen leben und ihnen ihre Lebensfähigkeit verdanken. Es ist also offensichtlich: Für den Erhalt des Menschentums sind (Selbst-)Zucht und die damit verbundene Verantwortung absolut notwendig – ja, sie sind ihre Voraussetzung. Verfallen diese Werte bei einem Einzelnen, degeneriert er; verfallen sie in einer Kultur insgesamt, schafft diese sich zunehmend selbst ab.



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Thomas Merlo


Ich wurde 2001 in Luxemburg geboren und bin zwischen deutscher, italienischer und mitteleuropäischer Kultur aufgewachsen. Denken und Schreiben begreife ich als Ausdruck einer lebendigen europäischen Geistestradition. Meine erste Leidenschaft galt der Geschichte, später fand ich in der Philosophie eine Sprache, die es erlaubt, Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch zu bringen. Nach dem Abitur und ersten Erfahrungen im Bankwesen studierte ich Philosophie in Wien, arbeitete eine Zeit in der Politik und setze mein Studium nun in Prag fort.Als anstrebender und stets suchender europäischer Intellektueller interessiert mich die Entwicklung der Geisteswissenschaften ebenso wie die Förderung einer gemeinsamen kulturellen Identität, die Europa als geistigen Raum versteht.




PHILOSOPHICAL ANTHROPOLOGY: AN OVERVIEW AND ITS INFLUENCE ON PANAJOTIS KONDYLIS



Panajotis Kondylis (1943-1998)
Panajotis Kondylis (1943-1998)

Philosophical anthropology is a philosophical movement that developed in the first half of the 20th century. Its most prominent founders and representatives were Helmuth Plessner, Max Scheler, and—addressed in this first study—Arnold Gehlen.


Their goal was to establish a form of thought that depicts the human being unsparingly—beyond good and evil—as he truly is, not as he ought to be. At the same time, it takes the human being himself as its starting point.

It is evident that this philosophy, due to its anthropological implications, soon extended into fields such as sociology, political philosophy, and moral philosophy, as these are directly connected to human action.


The aim of the present study is to provide a brief overview of the ideas of the aforementioned thinkers and to offer possible impulses for reflection. For each author, at least one essay will be required, which is why this text can only constitute the first part of the overall project.


Ultimately, this path will lead us to another author—the Greek-German intellectual Panajotis Kondylis. Although he cannot be regarded as a representative of philosophical anthropology, he was nonetheless strongly influenced by it. Therefore, this examination will not only introduce the thought of Panajotis Kondylis but also focus on the concept of the human being underlying his philosophy.


Providing an introduction to Kondylis’s thought in this brief preface would exceed its scope. I shall therefore limit myself to noting that he sought a value-free view of reality, which he termed descriptive decisionism—an approach that may also be of particular interest when considering figures such as Arnold Gehlen, who is the subject of this study



PHILOSOPHICAL ANTHROPOLOGY AND ARNOLD GEHLEN



Arnold Karl Franz Gehlen (1904-1976)
Arnold Karl Franz Gehlen (1904-1976)

When one mentions the name Arnold Gehlen in intellectual circles, one undoubtedly encounters not only approval and enthusiasm. On the one hand, he joined the National Socialist Party (NSDAP) on May 1, 1933, and remained a member until its end. On the other hand, he soon came into conflict with the party and was prohibited from publishing some of his writings, as they did not conform to the prevailing antisemitism and contradicted the National Socialist racial ideology—indeed, they tended to expose it as a myth.


It therefore seems most fitting to describe this thinker with the paradoxical term “opportunistic nonconformist.” Nevertheless, Gehlen remains influential to this day—in both philosophy and sociology. Moreover, he was highly regarded in the intellectual circles of his time and maintained an active exchange with other thinkers. His debates with Theodor W. Adorno, in particular, remain remarkable and well worth revisiting.


The purpose of this text is to provide an introduction to Gehlen’s thought while also encouraging reflection on its possible consequences and its relevance to the present.

It should be noted that Gehlen’s ideas must here be greatly simplified and reduced to their essentials. For a deeper understanding, reference should be made to his main work Man: His Nature and Place in the World. Other important works include Primitive Man and Late Culture, The Soul in the Age of Technology, and Moral and Hypermoral.


The Human as a Deficient Being



Michelangelo: Rebellious Slave , ca. 1513-15, Paris, Louvre
Michelangelo: Rebellious Slave , ca. 1513-15, Paris, Louvre

A central concept in Gehlen’s philosophy is that of the human as a “deficient being”. This means that the human—unlike the animal—possesses no organic or physical specialization. He is neither a prey animal nor a predator, neither fish nor bird, neither insect nor tree-climbing ape. He has an omnivorous set of teeth, is not particularly fast, and lacks specialized limbs that would, for instance, allow him to claim the trees as his domain. In short: his body is entirely archaic, not specifically adapted to any one environment, and therefore not viable on its own.


And yet, humans clearly are viable—and this is because our entire physical and mental constitution is designed to make us open to the world. We are not adapted to a specific environment precisely because we are capable of adapting to a wide range of environments. We can perceive the world without biologically limiting filters and are thus capable of appropriating it to our purposes. Above all, however, we possess the capacity for action. For Gehlen, this means that we can direct our practical behavior; we are masters of ourselves, capable of ruling over our drives. In short: our movements and actions are not bound by instinctual constraints. We are born without fixed instincts; we are plastic beings—just as undetermined as we are malleable.


Thus, the human being must adapt to his circumstances—but as soon as he is able, he begins to shape his environment. He subjugates it to his purposes, both in terms of perception and active transformation. In doing so, he creates what Gehlen—borrowing from Novalis—calls an “inner external world,” as well as a human world within the natural one. All of this we call culture. And since we depend on culture for survival, Gehlen, like Johann Gottfried Herder before him, refers to man as a cultural being.



From Culture to Institution—and to Responsibility



The Laocoön Group in the Vatican Museums
The Laocoön Group in the Vatican Museums

We are, by nature, predisposed to create culture in order to shape an environment in which we can survive. This environment includes, as emphasized once again, both the external and internal dimensions of human life. One could, following Gehlen’s oft-cited Herder, provocatively say: we are by nature unnatural beings.


However, one must not fall into the error of assuming that the creation—and even more so the preservation—of culture is something self-evident. From the very beginning, human beings establish institutions in which culture is anchored. These institutions do not necessarily manifest in physical structures. What defines them is their function: they convey culture to individuals from an early age and throughout their lives, equipping them with the tools they need to survive. In this sense, institutions discipline the human being—they shape him in such a way that he becomes viable under the given conditions.


Historically and contemporarily, institutions exist on various levels: family, kinship, totem cults, religion, gods, rituals, schools, academies, states—all are different forms of institutions. In this context, discipline is not enslavement but the very precondition for what we call freedom. Its absence leads to confusion and disorientation; its presence and functionality enable the formation of will—and are thus prerequisites for what we refer to as free will. For only one who knows what he wants can truly will what he wants.


Not every culture is bound to the same institutions, but the mere existence of such structures is necessary for the survival of any society—they constitute its foundation. In order to preserve themselves, however, people must identify with these institutions, and conversely, the institutions must understand themselves as serving the people. If this mutual trust erodes, both decay.


Responsibility is therefore required—on the part of those who lead institutions and carry out the necessary discipline, as well as on the part of those who live by and through them. It is clear: for the preservation of humanity, (self-)discipline and the responsibility it entails are absolutely essential—they are the very conditions of its survival. Should these values deteriorate in an individual, he degenerates; should they collapse within a culture, it begins to abolish itself.




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Thomas Merlo


I was born in 2001 in Luxembourg and grew up amid German, Italian, and Central European cultures. I see thinking and writing as expressions of a living European intellectual tradition. My first passion was history; later, philosophy became the language through which I connect past and present. After completing secondary school and gaining initial experience in banking, I studied philosophy in Vienna, worked briefly in politics, and now continue my studies in Prague.

As an emerging and ever-questioning European intellectual, I am interested in the evolution of the humanities and in fostering a shared cultural identity that understands Europe as a space of ideas.

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